Die Corona-Delle ist überwunden, und München legt nach. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt prognostiziert für 2026 einen neuen Tourismusrekord: Rund 9,8 Millionen Übernachtungen werden erwartet – mehr als je zuvor. Doch die Jubelstimmung ist gemischt: Die Stadt wächst in ihrer Beliebtheit schneller, als ihre Infrastruktur mithalten kann.
Diese Zahlen übertreffen sogar die Rekordwerte von 2019, als München mit 9,3 Millionen Übernachtungen den bisherigen Höchststand erreichte. Der Tourismus zeigt sich damit widerstandsfähiger als viele Experten nach der Pandemie erwartet hatten. Bereits 2025 zeichnet sich eine starke Erholung ab: Die Auslastung der Hotels liegt bei 78 Prozent – nur knapp unter dem Vor-Corona-Niveau.
Woher die Besucher kommen
Stärkstes Wachstum verzeichnen Besucher aus den USA, Japan, Südkorea und den arabischen Golfstaaten. Die Wiederaufnahme direkter Flugverbindungen und ein schwächerer Euro machen Deutschland für internationale Reisende besonders attraktiv. Auf der Wiesn – dem Oktoberfest im September – sind laut Veranstalter bereits heute mehr internationale Reservierungen eingegangen als in jedem Jahr zuvor.
Besonders bemerkenswert ist der Anstieg amerikanischer Touristen: Ihr Anteil hat sich seit 2020 verdoppelt und macht mittlerweile 18 Prozent aller internationalen Gäste aus. Lufthansa und Delta haben ihre Direktverbindungen zwischen München und verschiedenen US-Städten deutlich ausgebaut. Auch der asiatische Markt erholt sich überraschend schnell – Japan Airlines fliegt seit Frühjahr 2025 wieder täglich nach München.
- Erwartete Übernachtungen 2026: 9,8 Millionen – neuer Rekord
- Stärkstes Wachstum: USA, Japan, Golf-Region
- Durchschnittlicher Hoteltagespreis in München 2026: 189 Euro
- Tourismusumsatz soll 2026 erstmals die 10-Milliarden-Marke übertreffen
Der Preis des Booms
Doch der Boom hat seinen Preis. Münchens Innenstadt ist in den Sommermonaten bereits heute chronisch überlastet. U-Bahnen platzen aus allen Nähten, Warteschlangen vor Museen und Sehenswürdigkeiten schrecken Stammbesucher ab, und Anwohner klagen über Lärm und Müll. Das Marienplatz-Viertel verzeichnet während Hauptreisezeiten bis zu 120.000 Passanten täglich. „Das ist keine nachhaltige Entwicklung mehr – das ist Massentourismus, der die Stadt frisst“, sagt Stadtplaner Thomas Steinbeck.
Hotels reagieren auf die Nachfrage mit Preiserhöhungen: Der durchschnittliche Tagespreis für ein Doppelzimmer in München liegt 2026 bei 189 Euro – ein Plus von 23 Prozent gegenüber 2023. Airbnb-Angebote explodieren, was den Wohnungsmarkt weiter under Druck setzt.
Die Verkehrssituation spitzt sich zu: An Spitzentagen registriert die MVG bis zu 15 Prozent mehr Fahrgäste als normal. Besonders betroffen sind die Linien U3 und U6 zum Marienplatz. Experten warnen vor einem Kollaps des öffentlichen Nahverkehrs, sollten die Besucherzahlen weiter steigen. Auch die Müllentsorgung stößt an ihre Grenzen – an Wochenenden fallen in der Altstadt 40 Prozent mehr Abfälle an als üblich.
Nachhaltigkeitsstrategien
Das Stadtmarketing München hat heute eine neue Tourismusstrategie vorgestellt, die auf „Qualität statt Quantität“ setzt. Kernelemente sind eine gezielte Bewerbung von Stadtteilen abseits der Touristenzentren wie Schwabing, Haidhausen und Neuhausen, eine verstärkte Förderung kultureller Veranstaltungen im Winter sowie neue Kapazitätsgrenzen für bestimmte Sehenswürdigkeiten. „Wir wollen nicht weniger Touristen – aber klügere Touristen“, sagt Tourismusdirektorin Beate Lichtner. Ob das gelingt, ohne Einnahmen zu gefährden, bleibt abzuwarten.
Vorbild für München könnte Amsterdam sein: Die niederländische Hauptstadt hat bereits 2019 eine Tourismussteuer eingeführt und bewirbt sich gezielt nicht mehr als Partymetropole. Barcelona wiederum plant drastische Beschränkungen für Kreuzfahrtschiffe. München prüft ähnliche Maßnahmen, scheut aber noch vor drastischen Eingriffen zurück.
Wirtschaftsmotor trotz allem
Unbestritten bleibt der wirtschaftliche Beitrag des Tourismus: Rund 80.000 direkte Arbeitsplätze in Hotels, Gastronomie und Kultureinrichtungen hängen in München am Tourismus. Der Gesamtumsatz soll 2026 erstmals die 10-Milliarden-Euro-Marke übertreffen. Für die Stadtentwicklung ist die Herausforderung, diese Einnahmen in eine nachhaltige Infrastruktur zu reinvestieren – und das vor dem Hintergrund eines angespannten Stadthaushalts.
Studien zeigen jedoch: Jeder Euro aus dem Tourismus generiert zusätzlich 1,4 Euro in anderen Wirtschaftsbereichen. Von Taxifahrern über Einzelhändler bis hin zu Handwerkern profitiert die gesamte Stadtgesellschaft. Die Herausforderung liegt darin, diesen Wohlstand nachhaltiger zu verteilen und die negativen Folgen des Massentourismus zu begrenzen.
