Deutschland teilt sich zunehmend in zwei Welten. Auf der einen Seite wachsen Städte wie München, Hamburg und Berlin – getrieben von Zuzug aus dem Ausland und einer anhaltenden Landflucht. Auf der anderen Seite schrumpfen weite Teile Ostdeutschlands, des Saarlandes und einige ländliche Regionen Niedersachsens rascher als bisher prognostiziert. Das zeigt der heute vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) veröffentlichte Bericht „Bevölkerungsdynamik 2026“.
Die Geschwindigkeit des demografischen Wandels überrascht selbst Experten. Während die Geburtenrate mit 1,54 Kindern pro Frau weiterhin unter dem Bestandserhaltungsniveau liegt, verstärkt die Zuwanderung aus dem Ausland die regionalen Unterschiede. Über 70 Prozent aller Zugewanderten lassen sich in Großstädten und deren Umland nieder – ein Trend, der die Spaltung zwischen prosperierenden Ballungsräumen und schrumpfenden ländlichen Gebieten weiter anheizt.
Wachstumsregionen unter Druck
München hat in diesem Jahr erstmals die Grenze von 1,7 Millionen Einwohnern überschritten – ein Wert, den selbst optimistische Prognosen erst für 2030 erwartet hatten. Die Folgen sind bekannt: Mieten, die für viele Normalverdiener unerschwinglich werden, überlastete Kitas und Schulen, verstopfte U-Bahnen. Oberbürgermeister Dieter Reiter hat heute erneut an Bund und Freistaat appelliert, die Infrastrukturförderung zu erhöhen. „Eine wachsende Stadt ist eine Erfolgsgeschichte – aber nur dann, wenn sie ihre Infrastruktur mitentwickelt“, sagte er.
Ähnliche Probleme zeigen sich in Hamburg und Berlin. Die Hansestadt registrierte allein im vergangenen Jahr einen Bevölkerungszuwachs von 18.000 Menschen – mehr als manche Kleinstädte insgesamt haben. In Berlin sorgt der Wohnungsnotstand dafür, dass junge Familien zunehmend ins brandenburgische Umland ausweichen, was wiederum die Verkehrsinfrastruktur belastet.
- München überschreitet erstmals 1,7 Millionen Einwohner
- Sachsen-Anhalt verliert jährlich rund 12.000 Einwohner durch Abwanderung
- Bis 2040 könnten laut BiB 15 Prozent aller Landkreise unter 50.000 Einwohner fallen
- Der Anteil der über 65-Jährigen in strukturschwachen Regionen überschreitet erstmals 35 Prozent
Schrumpfende Regionen: Wenn die Post schließt
In Sachsen-Anhalt dagegen verlieren Kleinstädte wie Zeitz und Merseburg weiterhin Einwohner in einem Tempo, das örtliche Politiker als „kaum beherrschbar“ beschreiben. Supermärkte schließen, Arztpraxen wandern ab, Busse fahren seltener. Das BiB spricht von einem „Deinstitutionalisierungseffekt“: Je weniger Infrastruktur vorhanden ist, desto mehr junge Menschen ziehen weg – was die Infrastruktur weiter schwächt.
In der Altmark, einem Landkreis in Sachsen-Anhalt, hat sich die Zahl der niedergelassenen Hausärzte seit 2010 halbiert. Die nächste Notaufnahme ist für manche Bewohner 45 Kilometer entfernt. „Das ist kein Strukturproblem mehr – das ist eine humanitäre Frage“, sagt die Landrätin Claudia Dalbert, die seit Jahren vergeblich um mehr Bundesförderung kämpft.
Besonders dramatisch zeigt sich die Entwicklung beim Durchschnittsalter: In einigen ostdeutschen Landkreisen liegt es bereits über 50 Jahren. Die Kommunen kämpfen mit sinkenden Steuereinnahmen, während gleichzeitig die Kosten für die Versorgung einer alternden Bevölkerung steigen. Schulen werden geschlossen oder zusammengelegt – oft entstehen Fahrtwege von über einer Stunde für Grundschüler.
Neue Gewinner: Mittelstädte im Aufwind
Interessant ist ein dritter Trend, den der BiB-Bericht hervorhebt: Bestimmte Mittelstädte profitieren von der Überhitzung der Großstädte. Städte wie Erfurt, Rostock, Freiburg im Breisgau und Augsburg verzeichnen seit drei Jahren kontinuierlich steigende Einwohnerzahlen und Investitionen. Homeoffice-Möglichkeiten und verbesserte Bahnverbindungen machen sie attraktiver für Familien, die sich München oder Hamburg nicht leisten können.
Diese Mittelstädte bieten oft noch bezahlbare Mieten bei gleichzeitig guter kultureller Ausstattung und kurzen Wegen. Experten sprechen von einer „Renaissance der Mittelstadt“ – ein Phänomen, das durch die Corona-Pandemie und veränderte Arbeitsgewohnheiten verstärkt wurde.
Das Bundesbauministerium sieht darin eine Chance und plant ein neues Förderprogramm für „Ankerstädte“ – Mittelstädte mit guter Anbindung, die gezielt als Entlastung für überhitzte Metropolen ausgebaut werden sollen. Bis 2030 sollen 3,5 Milliarden Euro in diese Städte fließen.
Was die Politik tun kann
Demografen mahnen, dass finanzielle Anreize allein nicht reichen. „Wir müssen über gleichwertige Lebensverhältnisse ehrlicher sprechen“, sagt Prof. Nikola Sander vom BiB. „Das bedeutet nicht, dass überall alles gleich gut ist – aber es muss überall erreichbar sein.“ Konkret fordert sie Investitionen in schnelles Internet, dezentrale Gesundheitsversorgung und Modelle für den öffentlichen Nahverkehr auch abseits dichter Siedlungsräume.
Studien zeigen, dass mobile Gesundheitsdienste und Telemedizin die ärztliche Versorgung in dünn besiedelten Gebieten verbessern können. Digitale Verwaltungsangebote reduzieren Wege zu Behörden. Für Bürger in schrumpfenden Regionen bedeutet das konkrete Verbesserungen im Alltag – wenn die Politik die entsprechenden Weichen stellt. Ob die Politik diese Botschaft hört, entscheidet sich nicht zuletzt im Bundeshaushalt 2027.
