Es war ein Frühjahr der schlechten Nachrichten für Deutschlands Infrastruktur. Allein in den vergangenen vier Monaten mussten bundesweit 47 Brücken teilgesperrt oder vollständig geschlossen werden, wie das Bundesverkehrsministerium heute in Berlin mitteilt. Der Sanierungsstau, den Fachleute seit Jahren beklagen, ist längst kein abstraktes Problem mehr – er kostet Zeit, Geld und zunehmend auch Nerven.
Die Dimension des Problems wird erst durch den Blick zurück deutlich: Noch 1990 galten 85 Prozent der deutschen Autobahnen als „gut“ oder „sehr gut“. Heute liegt dieser Wert bei nur noch 39 Prozent. Experten warnen, dass Deutschland ohne drastische Kurskorrektur bis 2030 seine Position als zentrale Logistikdrehscheibe Europas verlieren könnte.
Wer leidet am meisten?
Besonders betroffen sind laut einer heute veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und das Saarland. In NRW wurden allein 2025 rund 1.200 Kilometer Bundesstraßen als „dringend sanierungsbedürftig“ eingestuft. In Sachsen-Anhalt ist knapp ein Drittel aller Kreisstraßen in einem Zustand, der laut Ingenieurbewertung eine unmittelbare Vollsperrung rechtfertigen würde.
Das Saarland kämpft mit einer besonderen Herausforderung: Das kleinste Flächenland hat proportional die höchste Brückendichte Deutschlands. 180 der insgesamt 850 Brücken im Land sind älter als 50 Jahre und erreichen damit das Ende ihrer ursprünglich geplanten Lebensdauer. Für viele Gemeinden bedeutet das existenzielle Probleme bei der Finanzierung.
- Schätzungsweise 400 Milliarden Euro Investitionsbedarf bis 2035 (DIW-Studie)
- 47 Brücken seit Jahresbeginn gesperrt oder teilgesperrt
- NRW, Sachsen-Anhalt und Saarland am stärksten belastet
- Bundesregierung plant 12 Milliarden Euro Sonderpaket – Kritiker halten das für unzureichend
Warum die Lage eskaliert
Die Gründe sind bekannt, die Lösungen bleiben schwierig. Jahrzehnte unterlassener Instandhaltung, steigende Baupreise, ein massiver Fachkräftemangel im Tiefbau und das föderale Geflecht aus Bundes-, Landes- und Kreiszuständigkeiten erschweren schnelle Reaktionen. „Wir kämpfen auf drei Fronten gleichzeitig: zu wenig Geld, zu wenige Handwerker, zu viel Bürokratie“, fasst Thomas Weißmann, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, die Lage zusammen.
Der Personalmangel verschärft die Krise dramatisch. Aktuell fehlen in der deutschen Baubranche rund 400.000 Fachkräfte – Tendenz steigend. Gleichzeitig steigen die Materialkosten: Stahl kostete 2024 im Durchschnitt 43 Prozent mehr als vor fünf Jahren, Beton 28 Prozent mehr.
Hinzu kommt, dass die Klimakrise die Lage verschärft. Extreme Hitzeperioden verformen Asphalt, Hochwasser unterspülen Brückenfundamente, und der Frost-Tau-Wechsel zerstört Fahrbahndecken schneller als geplant. Fachleute sprechen bereits von einem „Klimapremium“, das die Sanierungskosten um 15 bis 20 Prozent über ursprüngliche Schätzungen treibt.
Folgen für Wirtschaft und Alltag
Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind erheblich. Logistikunternehmen wie DHL und DB Schenker berichten von massiv verlängerten Lieferzeiten auf bestimmten Strecken. Im Ruhrgebiet, wo mehrere Autobahnbrücken nur noch einspurig befahrbar sind, hat sich die durchschnittliche Lkw-Transportzeit auf der A45 im vergangenen Jahr um 38 Prozent erhöht. Das kostet die regionale Wirtschaft nach Schätzungen der IHK Dortmund jährlich rund 900 Millionen Euro.
Pendler zwischen Dortmund und Frankfurt berichten von Umwegen von bis zu 40 Kilometern. Auch der Schienenverkehr leidet: Die Deutsche Bahn hat 2025 rund 600 Kilometer Gleise als „prioritär erneuerungsbedürftig“ klassifiziert, kann aber wegen der langen Planungs- und Genehmigungsverfahren nur einen Bruchteil pro Jahr angehen.
Für Verbraucher bedeutet der Infrastrukturverfall höhere Preise. Experten schätzen, dass die zusätzlichen Transportkosten bereits heute pro Haushalt mit durchschnittlich 180 Euro jährlich zu Buche schlagen – etwa durch höhere Lebensmittelpreise oder verlängerte Lieferzeiten im Onlinehandel.
Internationale Vergleiche zeigen Handlungsdruck
Ein Blick ins Ausland verdeutlicht das Problem: Während Deutschland seine Infrastruktur-Investitionen in den vergangenen Jahren konstant hielt, erhöhten Frankreich und die Niederlande ihre Ausgaben um 40 beziehungsweise 35 Prozent. Im Weltwirtschaftsforum-Ranking zur Infrastrukturqualität rutschte Deutschland von Platz 7 im Jahr 2015 auf Platz 17 ab.
Was jetzt geplant ist
Die Bundesregierung hat heute ein 12-Milliarden-Euro-Sonderpaket angekündigt, das über fünf Jahre ausgezahlt werden soll. Zudem sollen Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte über 50 Millionen Euro auf maximal 24 Monate verkürzt werden. Oppositionspolitiker kritisieren die Pläne als „Tropfen auf den heißen Stein“. „Wir brauchen mindestens das Dreifache“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Ulrich Lange. Experten des Bundesrechnungshofs sind ähnlicher Meinung und mahnen: Ohne grundlegende Finanzierungsreform droht Deutschland bis 2030 der Verlust seiner Position als Logistikdrehscheibe Europas.
