Es ist erst drei Jahre her, dass Hamburg die schlimmste Sturmflut seit 1962 erlebt hat. Damals rissen die Fluten Teile der Hafenpromenade auf und drohten, historische Lagerhäuser in der Speicherstadt zu überfluten. Heute präsentiert der Hamburger Senat Pläne für ein neues Küstenschutzprogramm im Wert von 4,6 Milliarden Euro – das größte in der Geschichte der Hansestadt. Die Maßnahmen sollen bis 2035 umgesetzt werden und Hamburg für die kommenden Jahrzehnte gegen die Folgen des Klimawandels wappnen.
Was geplant ist
Das Programm umfasst drei Kernelemente: erstens die Erhöhung und Verstärkung von 78 Kilometern Elbdeichen um durchschnittlich 1,2 Meter; zweitens den Bau von drei neuen Sperrwerken an den Nebenflüssen Bille, Alster und Dove-Elbe; drittens die Entwicklung eines digitalen Frühwarnsystems, das Sturmflut-Prognosen in Echtzeit für Hafenbetreiber, Rettungskräfte und Bürger bereitstellt. Die Kosten werden zu je einem Drittel von Hamburg, dem Bund und EU-Klimaschutzfonds getragen.
Die neue Deichhöhe orientiert sich an Berechnungen für Extremwetterereignisse, die statistisch alle 200 Jahre auftreten könnten. Zusätzlich plant die Stadt mobile Hochwasserschutzwände für besonders gefährdete Bereiche wie den Fischmarkt und Teile der HafenCity. Diese können bei Bedarf innerhalb von 24 Stunden aufgebaut werden.
- Gesamtvolumen des Küstenschutzprogramms: 4,6 Milliarden Euro
- 78 Kilometer Deiche sollen erhöht und verstärkt werden
- Drei neue Sperrwerke an Nebenflüssen geplant
- Das Meer steigt in der Nordsee laut aktuellem Bericht um bis zu 5 mm pro Jahr
Die wissenschaftliche Grundlage
Grundlage des Programms ist ein neuer Klimagutachten des Helmholtz-Zentrums Hereon aus Geesthacht, das heute zeitgleich veröffentlicht wurde. Die Forscher kommen zu einem alarmierenden Befund: Der Meeresspiegel in der Deutschen Bucht steigt schneller als noch vor zehn Jahren angenommen. Aktuell beträgt der Anstieg rund 5 Millimeter pro Jahr – das entspricht einem Plus von 50 Zentimetern bis zum Jahr 2120, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Bei einem ungünstigen Klimaszenario könnten es bis zu 1,4 Meter sein.
„Hamburg hat keine Wahl“, sagt Prof. Ralf Weisse, Leiter der Abteilung Küstenklima am Hereon-Institut. „Die Frage ist nicht ob, sondern wann wir handeln müssen. Wer heute spart, zahlt morgen ein Vielfaches.“
Experten warnen, dass ähnliche Investitionen in anderen deutschen Küstenstädten notwendig werden. Bremen plant bereits ein Programm über 2,8 Milliarden Euro, während Schleswig-Holstein seine Küstenschutzstrategie überarbeitet.
Herausforderung Hafenbetrieb
Besonders komplex ist die Lage rund um den Hafen. Viele der betroffenen Deich- und Ufersegmente liegen in unmittelbarer Nähe von Industrieanlagen, Tanklager und Gleisanlagen. Der HHLA-Konzern hat bereits signalisiert, dass Bau- und Sicherungsarbeiten zu erheblichen Betriebsunterbrechungen führen werden. Man arbeite eng mit den Behörden zusammen, um die Ausfallzeiten zu minimieren, heißt es aus dem Unternehmen. Branchenbeobachter schätzen dennoch, dass das Modernisierungsprogramm die Effizienz des Hafens bis 2028 um bis zu 8 Prozent mindern könnte.
Die Hafenwirtschaft befürchtet Wettbewerbsnachteile gegenüber Rotterdam und Antwerpen. Hamburg ist Deutschlands größter Seehafen und wickelt jährlich Waren im Wert von über 140 Milliarden Euro ab. Längere Bauzeiten könnten Reedereien dazu veranlassen, alternative Routen zu wählen.
Bürgerbeteiligung und Protest
Die Planungen stoßen in einigen Teilen der Stadt auf Widerstand. In Finkenwerder und Wilhelmsburg befürchten Anwohner, dass neue Deiche ihre Nachbarschaft optisch und akustisch massiv verändern. Der Bezirk Bergedorf klagt bereits gegen geplante Umwidmungen landwirtschaftlicher Flächen für Retentionsbecken. Naturschützer hingegen fordern, dass das Programm mit einem umfassenden Renaturierungsprogramm für Elbauen kombiniert wird. Bürgermeisterin Katharina Fegebank betonte heute, dass alle Maßnahmen einem umfangreichen Beteiligungsverfahren unterzogen würden.
Finanzierung und Zeitplan
Die ersten Bauarbeiten sollen bereits im kommenden Jahr beginnen. Hamburg profitiert dabei von EU-Förderprogrammen für Klimaanpassung, die bis zu 1,5 Milliarden Euro beisteuern könnten. Die Stadt rechnet zudem mit Einsparungen durch vermiedene Schäden. Studien zeigen, dass jeder investierte Euro in Küstenschutz langfristig vier bis sechs Euro an Schadensvermeidung bringt.
Das Programm macht Hamburg zum Vorreiter beim Küstenschutz in Deutschland. Andere Hafenstädte beobachten die Hamburger Pläne mit Interesse, da ähnliche Herausforderungen auch sie in den kommenden Jahren erwarten.
