Deutschland gibt so viel für seine Verteidigung aus wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Im Haushaltsentwurf für 2027, der heute vom Kabinett verabschiedet wurde, sind erstmals 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung vorgesehen. Das entspricht rund 115 Milliarden Euro – ein Anstieg von fast 40 Prozent gegenüber 2024.
Mit diesem Budget übertrifft Deutschland erstmals deutlich das NATO-Ziel von zwei Prozent des BIP für Verteidigung. Zum Vergleich: 2014 lag der deutsche Verteidigungshaushalt bei lediglich 1,2 Prozent des BIP. Die dramatische Kehrtwende folgt auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der eine Zeitenwende in der deutschen Sicherheitspolitik markierte.
Was das Geld kauft
Der Großteil der Mehrausgaben fließt in drei Bereiche: erstens die Beschaffung neuer Waffensysteme, darunter F-35-Kampfflugzeuge, neue U-Boote der Klasse 212CD und das Taktische Luftverteidigungssystem TLVS; zweitens die Modernisierung der Infrastruktur, also Kasernen, Depots und Kommunikationsnetze; drittens die Personalgewinnung, für die ein neues Attraktivitätsprogramm 2,5 Milliarden Euro bereitstellt.
Besonders drastisch steigen die Ausgaben für Munition und Ersatzteile. Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung sind die Bestände der Bundeswehr auf kritische Niveaus geschrumpft. Experten warnen seit Jahren, dass Deutschland im Ernstfall nur wenige Tage kampffähig wäre. Die neuen Mittel sollen diese Lücke schließen und strategische Reserven aufbauen.
Aufbau der Bundeswehr
Das Personalwachstum stellt die Bundeswehr vor große Herausforderungen. Die Streitkräfte müssen in den kommenden Jahren ihre Attraktivität als Arbeitgeber drastisch steigern. Geplant sind bessere Bezahlung, modernere Ausrüstung und familienfreundlichere Arbeitszeiten. Auch die Infrastruktur muss mitwachsen: Hunderte sanierungsbedürftige Kasernen sollen renoviert oder neu gebaut werden.
Die Bundeswehr konkurriert dabei mit einem leergefegten Arbeitsmarkt. Besonders schwer zu finden sind Fachkräfte für Cybersecurity, IT-Systeme und komplexe Waffentechnik. Das Verteidigungsministerium plant deshalb gezielte Werbekampagnen und Kooperationen mit Hochschulen.
- Verteidigungshaushalt 2027: 115 Milliarden Euro – entspricht 3,1 Prozent BIP
- Bundeswehr soll bis 2030 auf 230.000 Soldaten wachsen (aktuell: 183.000)
- Rüstungsaufträge im Wert von 40 Milliarden Euro an deutsche Firmen
- Sondervermögen von 100 Milliarden Euro fast vollständig verplant
Gewinner und Verlierer
Profiteure sind vor allem Rheinmetall, TKMS und Hensoldt – deutsche Rüstungskonzerne, die in den letzten zwei Jahren ihren Börsenwert verdreifacht haben. Für die Steuerzahler bedeutet das Rüstungsbudget allerdings: Weniger Geld für andere Bereiche. Das 100-Milliarden-Sondervermögen, 2022 mit großem Tamtam eingerichtet, ist fast vollständig verplant. Neue Mittel müssen aus dem Kernhaushalt kommen.
Die deutsche Rüstungsindustrie erlebt einen beispiellosen Boom. Rheinmetall plant den Bau neuer Fabriken und die Einstellung tausender Mitarbeiter. Der Konzern rechnet mit Aufträgen über mehrere Jahrzehnte. Auch kleinere Zulieferer profitieren vom Aufschwung und investieren in neue Produktionskapazitäten.
Finanzielle Herausforderungen
Die hohen Rüstungsausgaben setzen den Bundeshaushalt unter Druck. Andere Ministerien müssen mit weniger Geld auskommen. Besonders betroffen sind Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz. Finanzminister Lindner warnt vor einer dauerhaften Überlastung des Etats.
Ökonomen diskutieren bereits über alternative Finanzierungsmodelle. Vorgeschlagen werden spezielle Rüstungsanleihen oder eine befristete Verteidigungssteuer. Die Schuldenbremse macht zusätzliche Kredite schwer möglich.
Gesellschaftliche Debatte
Nicht alle sind begeistert. Friedensorganisationen protestierten heute vor dem Bundeskanzleramt. „Wir geben für einen einzigen Kampfpanzer das, was zwanzig Kitas kosten würden“, sagt Friedensforscher Dr. Götz Neuneck. Bundesverteidigungsminister Pistorius dagegen sieht keine Alternative: „Frieden ist kein Zustand, den man wünschen kann – er muss gesichert werden.“
Umfragen zeigen eine gespaltene Bevölkerung. Während 60 Prozent der Deutschen höhere Verteidigungsausgaben befürworten, sorgen sich viele um die Finanzierung sozialer Projekte. Die Diskussion um Kanonen oder Butter ist zurück in der deutschen Politik.
