Die Hoffnung war groß: Homeoffice, steigende Löhne und Förderprogramme sollten junge Menschen im Osten halten. Doch neue Zahlen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, heute veröffentlicht, zeigen: Die Abwanderung junger Menschen aus Ostdeutschland hat 2026 wieder zugenommen. In der Gruppe der 18- bis 35-Jährigen verließen in den ersten fünf Monaten rund 28.000 Menschen die neuen Bundesländer in Richtung Westen.

Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits in den 1990er Jahren begann und zwischenzeitlich abgeflacht war. Experten sprechen von einer „zweiten Welle“ der Ost-West-Migration, die sich trotz jahrelanger politischer Bemühungen nicht aufhalten lässt. Die demografischen Folgen sind gravierend: Ganze Landstriche drohen weiter zu überaltern, während qualifizierte Arbeitskräfte fehlen.

Warum sie gehen

Die Motive sind vielfältig. Neben dem Lohngefälle – das trotz Annäherung fortbesteht – spielen Lebensqualitätsfaktoren eine wachsende Rolle. Das kulturelle Angebot, die Karrieremöglichkeiten in Spitzenbranchen und soziale Netzwerke ziehen weiter. Besonders deutlich ist die Abwanderung in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die wirtschaftliche Dynamik schwächer ist als in Sachsen oder Thüringen.

Aktuelle Daten zeigen: Das durchschnittliche Bruttogehalt in Ostdeutschland erreicht weiterhin nur etwa 85 Prozent des Westniveaus. Für Berufseinsteiger ist dieser Unterschied oft entscheidend. Hinzu kommt die geringere Dichte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die karriereorientierte junge Menschen anzieht.

Die regionale Dimension

Besonders dramatisch entwickelt sich die Situation in ländlichen Gebieten. Während Städte wie Dresden, Leipzig oder Erfurt teilweise Zuwächse verzeichnen, verlieren kleinere Gemeinden kontinuierlich an Bevölkerung. Die Infrastruktur dünnt aus: Schulen schließen, Ärzte werden knapp, öffentliche Verkehrsmittel reduzieren ihre Taktung. Ein Teufelskreis entsteht, der weitere Abwanderung befördert.

Wichtige Fakten
  • 28.000 18- bis 35-Jährige verließen Ostdeutschland in Jan-Mai 2026
  • Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern am stärksten betroffen
  • Zuwanderung aus dem Ausland federt Verlust nur teilweise ab
  • Laut Studie: Rückkehrquote nach 5 Jahren nur bei 18 Prozent

Die Rückkehr-Illusion

Lange setzte die Politik darauf, dass Abgewanderte irgendwann zurückkommen – gut ausgebildet, mit Erfahrung und dem Wunsch nach Heimat. Die Realität ist ernüchternd: Laut der Berlin-Institut-Studie kehren nur etwa 18 Prozent der Abwanderer innerhalb von fünf Jahren zurück. „Wer einmal gegangen ist und sich woanders verwurzelt hat, kommt nicht mehr“, sagt Demographin Dr. Stefanie Föhner.

Die wenigen Rückkehrer sind meist familiär motiviert oder haben im Westen negative Erfahrungen gemacht. Eine systematische Rückholung gelingt kaum. Studien belegen: Nach zehn Jahren sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr auf unter fünf Prozent.

Was bleibt und was hilft

Ausländische Zuwanderung federt den Verlust teilweise ab: Besonders in Sachsen und Thüringen sind in den letzten Jahren Tausende Fachkräfte aus der Ukraine, Indien und dem Westbalkan zugezogen. Diese Zuwanderer bringen Kompetenzen mit und füllen zum Teil die demografischen Lücken. Doch Integration braucht Zeit und Ressourcen – und in kleineren ostdeutschen Städten fehlt oft beides.

Erfolgreiche Beispiele zeigen dennoch Wege auf: Jena profitiert von seiner Universität und den ansässigen Technologieunternehmen. Görlitz entwickelt sich durch grenzüberschreitende Kooperation mit Polen. Dresden zieht mit seinem Technologie-Cluster internationale Fachkräfte an. Gemeinsam ist diesen Regionen eine klare strategische Ausrichtung und Investitionen in Bildung und Innovation.

Umdenken in der Förderpolitik

Das Berlin-Institut plädiert für einen Paradigmenwechsel: Statt Infrastruktur zu fördern, die niemand nutzt, sollte die Politik „ankernde Faktoren“ stärken – also Bildungseinrichtungen, kulturelle Zentren und Arbeitsmarktangebote, die Menschen binden. „Fördermittel für leerstehende Gewerbegebiete helfen niemandem. Wir brauchen Investitionen in das, was Menschen wirklich anzieht“, sagt Institutsleiter Reiner Klingholz.

Wirtschaftsexperten fordern eine stärkere Fokussierung auf Zukunftsbranchen wie erneuerbare Energien, Digitaltechnologie und Biotechnologie. Nur so könnten langfristig attraktive Arbeitsplätze entstehen, die junge Fachkräfte halten. Die Zeit drängt: Ohne einen Wandel in der Strategie droht sich die Abwanderungsspirale weiter zu beschleunigen.