Sachsen hatte sich in den letzten Jahren als europäisches Zentrum der Chipproduktion etabliert – „Silicon Saxony“ war kein leeres Versprechen. Doch heute zeigen sich Risse: Mehrere Halbleiterunternehmen haben angekündigt, geplante Erweiterungsinvestitionen zu verschieben oder in andere Regionen zu verlagern. Was ist schiefgelaufen?

Gute Nachrichten und schlechte Nachrichten

Die guten Nachrichten zuerst: TSMC, der weltgrößte Auftragsfertiger für Halbleiter, baut sein Werk in Dresden planmäßig. Bis 2027 sollen die ersten Chips aus dem europäischen TSMC-Werk kommen. Auch Infineon und Bosch expandieren ihre Kapazitäten in Dresden. Doch während diese Großprojekte voranschreiten, melden kleinere und mittelgroße Zulieferer und Ausrüsterfirmen Probleme: Fachkräftemangel, hohe Energiekosten und ein wachsender Wettbewerb aus Asien.

Die Halbleiterindustrie in Sachsen beschäftigt mehr als 80.000 Menschen direkt und indirekt. Das macht den Freistaat zu einem der wichtigsten Mikroelektronik-Standorte Europas. Doch dieser Status gerät unter Druck. Experten warnen, dass Deutschland seine führende Position in der europäischen Chipproduktion verlieren könnte, wenn die strukturellen Probleme nicht schnell gelöst werden.

Wichtige Fakten
  • Über 80.000 Beschäftigte in der Halbleiter-Wertschöpfungskette in Sachsen
  • TSMC-Werk Dresden: erste Chips erwartet 2027
  • Mindestens 12 Zuliefererunternehmen haben 2026 Investitionspläne eingefroren
  • Energiekosten in Sachsen rund 30 Prozent über EU-Durchschnitt

Die Energiepreisfalle

Energieintensive Chipfabriken brauchen günstige und verlässliche Energie. In Sachsen sind die Industrieenergiepreise allerdings rund 30 Prozent höher als der EU-Durchschnitt – ein massiver Wettbewerbsnachteil gegenüber Konkurrenten in Taiwan, Südkorea und zunehmend auch den USA, die mit dem CHIPS Act massive Subventionen bereitstellen. „Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise verlieren wir mittelfristig die Investitionen an andere Standorte“, warnt Silicon-Saxony-Vorstand Frank Bösenberg.

Die hohen Energiekosten treffen besonders mittelständische Unternehmen hart. Während Großkonzerne wie TSMC langfristige Stromverträge aushandeln können, zahlen kleinere Zulieferer oft Marktpreise. Eine moderne Chipfabrik verbraucht so viel Strom wie eine Kleinstadt. Für Unternehmen bedeutet das Millionen Euro zusätzliche Kosten pro Jahr – Geld, das in anderen Ländern in Forschung und Entwicklung fließt.

Der Fachkräfteengpass

Sachsen hat eine exzellente Hochschullandschaft – TU Dresden, TU Bergakademie Freiberg und die HTW Dresden bilden jährlich Tausende Ingenieure und Techniker aus. Doch viele verlassen nach dem Studium den Freistaat. Die Lohnschere zwischen Sachsen und Bayern oder Hessen, kombiniert mit einem eingeschränkten Freizeitangebot in ländlicheren Regionen, treibt Talente weg. „Wir geben Talente aus, die der Markt braucht – und dann ziehen sie nach München oder Frankfurt“, sagt Rektorin Prof. Ursula Staudinger der TU Dresden.

Der Mangel an Fachkräften verschärft sich zusätzlich durch den demografischen Wandel. Studien zeigen, dass bis 2030 etwa 25.000 erfahrene Ingenieure und Techniker in Sachsen in Rente gehen werden. Gleichzeitig wächst der Bedarf durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und autonomes Fahren. Unternehmen suchen händeringend Spezialisten für Chip-Design und Produktionsverfahren.

Internationale Konkurrenz wächst

Während Europa um seine Position kämpft, investieren andere Regionen massiv in die Chipproduktion. Die USA haben mit dem CHIPS and Science Act Subventionen von über 50 Milliarden Dollar bereitgestellt. China plant bis 2030 Investitionen von umgerechnet 150 Milliarden Euro. Südkorea und Taiwan bauen ihre Kapazitäten kontinuierlich aus und bieten Unternehmen attraktive Standortbedingungen.

Diese internationale Konkurrenz macht sich bereits bemerkbar. Mehrere sächsische Zulieferer prüfen Verlagerungen nach Osteuropa oder Asien. Die niedrigeren Lohnkosten und staatlichen Förderungen machen diese Standorte attraktiv – ein Trend, der für Deutschland besorgniserregend ist.

Was die Politik unternimmt

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig hat heute ein Sofortprogramm vorgestellt, das Fördermittel für die Ansiedlung von Technologieunternehmen erhöht und die Anbindung an das Bundesstromnetz beschleunigt. Zudem sollen internationale Fachkräfte mit vereinfachten Visaverfahren und Willkommenspaketen angelockt werden. Langfristig plant Sachsen, Dresden als „Smart City“ zu positionieren, die sowohl für Unternehmen als auch für junge Talente attraktiv ist.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, wird sich zeigen. Die Zeit drängt: Investitionsentscheidungen in der Chipbranche haben oft Planungshorizonte von zehn bis fünfzehn Jahren. Wer heute den Anschluss verliert, holt ihn nur schwer wieder auf.