Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – und sie geraten unter enormen Druck: die mittelständischen Zulieferer Baden-Württembergs. Rund 2.800 Betriebe mit zusammen mehr als 320.000 Beschäftigten liefern Teile und Systeme für die Autoindustrie. Doch was funktionierte, solange der Verbrenner regierte, gerät heute ins Wanken. Der Strukturwandel zur Elektromobilität trifft das industrielle Herz des Südwestens mit voller Wucht.

Baden-Württemberg galt jahrzehntelang als Vorzeigeregion der deutschen Automobilindustrie. Hier entstanden nicht nur die großen Marken Mercedes-Benz und Porsche, sondern auch ein dichtes Netzwerk hochspezialisierter Zulieferer. Diese mittelständischen Unternehmen perfektionierten über Generationen die Fertigung von Getrieben, Motorenteilen und komplexen Hydrauliksystemen. Heute wird genau diese Spezialisierung zur Belastung.

Wer besonders leidet

Betriebe, die auf mechanische Präzisionsteile, Hydrauliksysteme und Verbrennungstechnik spezialisiert sind, stehen vor der schwierigsten Phase ihrer Geschichte. Die Nachfrage nach klassischen Getriebe-, Abgassystem- und Motorenkomponenten bricht weg – schneller als viele Prognosen erwartet hatten. In Schwäbisch Gmünd etwa musste ein Zulieferer für Einspritzventile mit 430 Mitarbeitern heute Insolvenz anmelden. In Kirchheim/Teck plant ein weiterer Betrieb die Verlagerung seiner Produktion nach Tschechien.

Besonders hart trifft es die Tradition der schwäbischen Tüftlerkultur. Viele Familienunternehmen der dritten oder vierten Generation sehen sich gezwungen, Betriebsteile zu verkaufen oder ganz zu schließen. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Zuliefererindustrie könnte bis 2030 um mehr als ein Viertel schrumpfen, warnen Arbeitsmarktexperten.

Wichtige Fakten
  • 2.800 Automobil-Zulieferer in BW mit über 320.000 Beschäftigten
  • 2026 bereits über 80 Insolvenzen in der Zuliefererbranche des Landes
  • Nachfrage nach Verbrennungskomponenten sinkt laut VDMA um 22 Prozent jährlich
  • Umschulungsbedarf bis 2030: rund 85.000 Beschäftigte laut IG Metall BW

Das Diversifizierungsdilemma

Die Lösung scheint einfach: Unternehmen müssen ihre Produkte diversifizieren und in neue Bereiche investieren. Doch die Praxis ist komplexer. Viele mittelständische Betriebe haben jahrzehntelang eine einzige Technologie perfektioniert – der Umstieg auf neue Produkte erfordert Kapital, Wissen und Zeit, die fehlen. „Wenn ich 60 CNC-Maschinen für Kurbelwellen habe, kann ich die nicht einfach für Batteriegehäuse umrüsten“, sagt Wolfgang Haas, Geschäftsführer eines Präzisionsteile-Herstellers im Rems-Murr-Kreis.

Hinzu kommt das Fachkräfteproblem: Die neuen Kompetenzen, die für E-Mobilität gebraucht werden – Softwareentwicklung, Batterie-Engineering, Leistungselektronik – sind auf dem Arbeitsmarkt rar und teuer. Ingenieure mit entsprechender Expertise kosten deutlich mehr als klassische Maschinenbauer. Kleinere Betriebe können diese Gehälter oft nicht stemmen.

Finanzierungshürden bremsen Transformation

Die Investitionskosten für den Wandel sind enorm. Studien zeigen, dass Zulieferer durchschnittlich 15 bis 20 Prozent ihres Jahresumsatzes investieren müssen, um erfolgreich auf E-Mobilität umzustellen. Bei einem mittelständischen Betrieb mit 50 Millionen Euro Umsatz bedeutet das zehn Millionen Euro zusätzliche Ausgaben. Viele Banken zögern, solche Summen zu finanzieren – zu ungewiss ist der Erfolg der Transformation.

Gleichzeitig kämpfen die Unternehmen mit sinkenden Margen. Die großen Automobilhersteller geben den Kostendruck an ihre Zulieferer weiter. Preise für traditionelle Komponenten fallen, während Investitionen in neue Technologien steigen.

Was die Kammern fordern

Die IHK Region Stuttgart und der Verband Unternehmer Baden-Württemberg (UBW) haben heute gemeinsam ein Positionspapier vorgelegt. Sie fordern unter anderem steuerliche Erleichterungen für Investitionen in Diversifizierungsprojekte, mehr Förderdarlehen der L-Bank für Umstellungsinvestitionen unter zehn Millionen Euro sowie eine verstärkte Beratungsoffensive durch die Wirtschaftsförderung des Landes. „Wir brauchen nicht Almosen – wir brauchen Rahmenbedingungen, die Transformation möglich machen“, sagt UBW-Präsident Christian O. Erbe.

Konkret schlagen die Verbände vor, Verluste aus stillgelegten Anlagen schneller steuerlich abschreiben zu können. Zudem sollen Weiterbildungskosten vollständig von der Steuer absetzbar werden.

Erste Erfolgsgeschichten

Es gibt auch Lichtblicke: Einzelne Betriebe haben die Transformation früh angepackt und sind heute führend bei E-Achsen, Batterie-Kühlsystemen oder Ladetechnik. Die Firma Brose in Reutlingen etwa hat seinen Automobilanteil erfolgreich auf E-Mobilitäts-Komponenten umgestellt und plant gerade eine neue Fertigung. Solche Erfolge zeigen: Es ist möglich – aber es braucht Mut, frühzeitiges Handeln und staatliche Unterstützung.

Die nächsten zwei Jahre werden entscheidend sein. Entweder gelingt Baden-Württemberg der Sprung in die E-Mobilität – oder eine jahrhundertealte Industrietradition geht verloren.