Das europäische Kino kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Laut dem heute veröffentlichten Bericht der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle sind die Kinoinvestitionen in der EU 2026 um weitere 8 Prozent gesunken. Die Besucherzahlen erholen sich nicht auf das Vorpandemi-Niveau. Und Streaming-Plattformen dominieren die Nutzungszeit für audiovisuelle Inhalte mit einem Anteil von inzwischen 61 Prozent.
Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild für traditionelle Kinos. Während 2019 noch über 1,3 Milliarden Kinogänger in Europa gezählt wurden, stagniert der Wert 2026 bei etwa 900 Millionen Besuchern. Besonders kleinere, unabhängige Kinos haben Schwierigkeiten zu überleben. Mehr als 1.200 Kinosäle haben europaweit seit 2020 geschlossen.
Was das für deutsche Filme bedeutet
Für deutsche Produktionen ist die Lage besonders angespannt. Arthouse-Produktionen, die auf Kinoauswertung angewiesen sind, kämpfen mit schrumpfenden Zuschauerzahlen. Das Kinopublikum, das übrig bleibt, will primär amerikanische Blockbuster sehen – oder zumindest Action und Spektakel, das auf großer Leinwand funktioniert. Deutsche Dramen und Sozialrealismus haben es schwer.
Der Deutsche Filmförderfonds wurde 2026 zwar leicht erhöht – auf 120 Millionen Euro – bleibt aber weit hinter dem zurück, was Frankreich mit seinem Centre National du Cinéma investiert. Frankreich fördert seine Filmindustrie mit über 700 Millionen Euro jährlich und hat damit einen funktionierenden Kreislauf aus Produktion, Kino und Kulturexport aufgebaut.
Deutsche Filme erreichen aktuell nur noch einen Marktanteil von 22 Prozent an den heimischen Kinokassen. Zum Vergleich: Französische Produktionen kommen in Frankreich auf über 35 Prozent. Experten führen dies nicht nur auf die unterschiedliche Förderstruktur zurück, sondern auch auf die stärkere Verankerung des Kinos in der französischen Kultur.
Strukturwandel in der Filmwirtschaft
Der Wandel zeigt sich auch in der Produktionslandschaft. Viele deutsche Produzenten denken bereits von Beginn an in Streaming-Kategorien. Serien werden für internationale Plattformen konzipiert, während klassische Kinoproduktionen an Attraktivität verlieren. Diese Entwicklung birgt Chancen und Risiken zugleich.
Für Filmschaffende eröffnen sich neue Märkte und Zielgruppen. Gleichzeitig droht der Verlust einer jahrhundertealten Kinotradition, die für die europäische Filmkultur prägend war. Das gemeinschaftliche Kinoerlebnis weicht dem individuellen Streaming-Konsum auf mobilen Geräten.
Was die Streamingplattformen tun
Netflix, Amazon und Disney+ produzieren inzwischen eigene deutsche Inhalte – Serien wie „Dark“, „Barbaren“ oder „Kleo“ haben weltweit Erfolg. Das ist gut für deutsche Erzählungen – aber die Auswertung findet nicht im Kino statt, und die Wertschöpfung fließt in erster Linie in ausländische Konzernkassen.
Die Streaming-Dienste investieren geschätzte 2,5 Milliarden Euro jährlich in europäische Produktionen. Diese Summe übersteigt die staatliche Filmförderung in den meisten EU-Ländern deutlich. Allerdings fließen die Gewinne aus erfolgreichen Produktionen nicht zurück in die europäische Filmwirtschaft, sondern an die Konzernzentralen in den USA.
Auswirkungen auf Verbraucher und Kultur
Für deutsche Zuschauer bedeutet die Entwicklung mehr Auswahl bei gleichzeitig höheren Kosten. Wer alle relevanten Streaming-Dienste abonniert, zahlt monatlich über 50 Euro. Dazu kommen steigende Kinopreise, die viele Familien von spontanen Kinobesuchen abhalten.
Kulturpolitisch steht Deutschland vor der Herausforderung, die Vielfalt der heimischen Filmlandschaft zu erhalten. Ohne strukturelle Reformen droht eine Amerikanisierung der audiovisuellen Landschaft, die sich nicht umkehren lässt.
Forderung: Kinoabgabe auf Streaming
Kinobetreiber und Filmverbände fordern eine Pflichtabgabe von Streaming-Plattformen an den deutschen Filmfonds – analog zur französischen Chronologie der Medien. Die Bundesregierung prüft das Modell. Ohne strukturelle Reform droht dem europäischen Autorenkino eine Verdrängung, die nicht rückgängig zu machen ist.
Erste Gespräche zwischen Kulturstaatsministerin und Vertretern der Streaming-Industrie fanden bereits statt. Ein Gesetzentwurf wird für das zweite Quartal 2027 erwartet. Die Zeit drängt: Jeden Monat schließen weitere Programmkinos, die als Plattform für anspruchsvolle europäische Filme unverzichtbar sind.
