Sie gelten als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und wurden lange bewundert: die sogenannten Hidden Champions – mittelständische Weltmarktführer, die in ihrer Nische global dominieren. Doch ein neuer Trend beunruhigt die Wirtschaftspolitik: Immer mehr dieser Unternehmen verlagern Standorte, Forschungsabteilungen oder gar ihren Hauptsitz ins Ausland.

Der Begriff Hidden Champions prägte der Managementtheoretiker Hermann Simon bereits in den 1990er Jahren. Er bezeichnete damit meist familiengeführte Mittelständler, die in spezialisierten Marktsegmenten Weltmarktführer sind, aber außerhalb ihrer Branche wenig bekannt bleiben. Deutschland beheimatet rund 1.300 solcher Unternehmen – mehr als jedes andere Land weltweit.

Konkrete Fälle der Abwanderung

Der Maschinenbauer Körber AG hat heute angekündigt, seine Konzernzentrale nach Zürich zu verlegen – aus steuerlichen Gründen, wie das Unternehmen betont. Das Pharmaunternehmen Merck KGaA, eigentlich ein Darmstädter Urgestein, hat eine neue Forschungsplattform in Boston eröffnet, die bereits 800 Stellen zählt – mehr als das Darmstädter Pendant. Ein familiengeführter Sondermaschinen-Hersteller aus Baden-Württemberg plant eine Verlagerung seiner Produktion nach Österreich wegen günstigerer Energiepreise.

Diese Fälle sind keine Ausnahmen mehr. Eine Befragung von 350 mittelständischen Weltmarktführern durch das Institut für Mittelstandsforschung zeigt: 28 Prozent planen bis 2028 die Verlagerung wesentlicher Unternehmensfunktionen ins Ausland. Besonders betroffen sind energieintensive Branchen wie die Chemie- und Metallverarbeitung.

Die Kostenfalle Deutschland

Neben hohen Energiekosten und Steuern nennen die Befragten bürokratische Hürden, langsame Genehmigungsverfahren und fehlende Fachkräfte als Hauptgründe. „Deutschland ist ein wunderbares Land zum Leben – aber ein immer schwierigeres, um effizient zu wirtschaften“, sagt Herbert Hainer, ehemaliger adidas-Chef und heutiger Beiratsvorsitzender mehrerer mittelständischer Unternehmen.

Die Zahlen sind alarmierend: Deutsche Industrieunternehmen zahlen für Strom etwa das Dreifache dessen, was ihre Konkurrenten in den USA berappen. Die Steuerbelastung für Kapitalgesellschaften liegt mit rund 30 Prozent deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 23 Prozent. Hinzu kommen Genehmigungsverfahren, die durchschnittlich 18 Monate dauern – in Singapur sind es drei Monate.

Gefahr für den Wirtschaftsstandort

Experten warnen vor einem schleichenden Exodus des deutschen Mittelstands. Die Hidden Champions erwirtschaften zusammen einen Umsatz von über 600 Milliarden Euro und beschäftigen mehr als drei Millionen Menschen. Ihr Weggang würde nicht nur Arbeitsplätze kosten, sondern auch das Innovationsökosystem schwächen.

Besonders problematisch: Viele dieser Unternehmen sind in ländlichen Regionen verwurzelt und prägen dort ganze Wirtschaftsräume. Ihre Abwanderung könnte strukturschwache Gebiete weiter schwächen und den demografischen Wandel beschleunigen.

Internationale Konkurrenz lockt

Andere Länder werben gezielt um deutsche Mittelständler. Die Schweiz bietet niedrige Unternehmenssteuern und schlanke Verwaltungsstrukturen. Die USA locken mit günstiger Energie und einem großen Binnenmarkt. Singapur punktet mit schnellen Genehmigungen und hochqualifizierten Arbeitskräften aus ganz Asien.

Studien zeigen, dass bereits verlagerte Unternehmen oft positive Erfahrungen machen. Die Produktivität steigt häufig, während sich die Kosten deutlich reduzieren. Diese Erfolgsgeschichten motivieren weitere Unternehmen zur Verlagerung.

Was die Politik tun kann

Wirtschaftsverbände fordern schnelle Reformen: Steuerliche Entlastung für Investitionen, drastische Vereinfachung der Genehmigungsverfahren und eine Energiestrategie, die verlässlich günstige Industriepreise sichert. Die Bundesregierung hat entsprechende Maßnahmen angekündigt – aber die Umsetzung dauert länger als die Geduld der Unternehmen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie schlägt vor, eine „Fast-Track-Genehmigung“ für strategisch wichtige Unternehmen einzuführen. Zudem müsse die Digitalisierung der Verwaltung beschleunigt und die Fachkräftezuwanderung erleichtert werden. Ohne entschlossenes Handeln drohe Deutschland seine industrielle Basis zu verlieren.