Das Bundeskartellamt hat heute ein wegweisendes Verfahren gegen drei der größten deutschen Konzertveranstalter eingeleitet. Der Vorwurf: Absprachen bei der Vergabe exklusiver Künstlerrechte, die Wettbewerb verhindern und Ticket-Preise künstlich hochhalten. Es ist das bisher schärfste regulatorische Eingreifen in den deutschen Konzertmarkt seit dessen Liberalisierung in den 1990er Jahren.
Was das Amt vorwirft
Im Kern geht es um sogenannte Exklusivitätsvereinbarungen: Große Veranstalter wie CTS Eventim und Live Nation sichern sich exklusive Rechte für Tourneen bestimmter Künstler – und vergeben Tickets ausschließlich über eigene Plattformen, die zusätzliche Servicegebühren erheben. Kleinere Konkurrenten werden faktisch ausgesperrt, der Wettbewerb um die günstigsten Preise findet nicht statt.
Die Praxis hat in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Oligopol geführt. Branchenexperten schätzen, dass die drei größten Anbieter mittlerweile über 80 Prozent des deutschen Konzertmarkts kontrollieren. Besonders problematisch: Die Veranstalter betreiben häufig auch die Ticketverkaufsplattformen und kassieren doppelt – einmal als Veranstalter, einmal als Verkäufer.
„Das kostet Fans real Geld und verhindert Innovation im Markt“, sagt Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Die betroffenen Unternehmen weisen die Vorwürfe zurück und kündigen rechtliche Gegenwehr an.
Drastische Preissteigerungen belasten Verbraucher
Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen das Ausmaß der Preisentwicklung: Konzerttickets verteuerten sich in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich 45 Prozent – deutlich über der allgemeinen Inflationsrate. Ein Ticket für einen Mainstream-Pop-Act kostete 2019 im Durchschnitt 65 Euro, heute sind es oft über 95 Euro zuzüglich Gebühren.
Servicegebühren machen dabei einen erheblichen Teil aus. Was früher als geringfügiger Aufschlag galt, summiert sich heute oft auf 15 bis 25 Euro pro Ticket. Für eine vierköpfige Familie können so aus 200 Euro Ticketkosten schnell 280 Euro werden.
Was sich ändern könnte
Sollte das Verfahren zugunsten des Amts enden, müssten Exklusivverträge aufgebrochen, Sekundärmärkte stärker reguliert und Servicegebühren transparent ausgewiesen werden. Das könnte Tickets für viele Veranstaltungen günstiger machen – oder zumindest transparenter. Europäische Nachbarn wie Frankreich und die Niederlande haben bereits ähnliche Regeln eingeführt.
Konkret plant das Kartellamt mehrere Maßnahmen: Künstler sollen künftig ihre Tourdaten an mehrere Veranstalter vergeben dürfen. Ticketverkaufsplattformen müssten alle Gebühren von Anfang an ausweisen statt erst im letzten Bestellschritt. Zudem soll der Weiterverkauf von Tickets zu Wucherpreisen unterbunden werden.
Internationale Vorbilder zeigen Wirkung
Andere Länder machen vor, dass Regulierung funktioniert. In Frankreich führten verschärfte Kartellregeln zu einem Preisrückgang von durchschnittlich 20 Prozent bei großen Konzerten. Die Niederlande begrenzten Servicegebühren auf maximal 20 Prozent des Ticketpreises.
Besonders erfolgreich war das Vorgehen gegen sogenanntes „Dynamic Pricing“ – algorithmusgesteuerte Preiserhöhungen je nach Nachfrage. Was bei Flugtickets üblich ist, sorgt bei Konzerten für Unmut: Tickets werden binnen Minuten um das Dreifache teurer.
Reaktionen der Musikwelt
Künstler und Fans begrüßen das Verfahren überwiegend. „Endlich tut jemand was“, schrieb eine bekannte deutsche Sängerin auf Instagram. Ob das Verfahren Erfolg hat, entscheidet sich in den nächsten 18 Monaten vor Gericht und in Brüssel.
Verbraucherverbände fordern bereits weitergehende Schritte. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisiert, dass viele Fans bereits vor Verfahrensbeginn überteuerte Tickets gekauft haben. Eine rückwirkende Entschädigung sei rechtlich schwer durchsetzbar.
Die Musikbranche steht vor einem Wendepunkt: Entweder passt sie sich freiwillig an faire Preisstrukturen an – oder die Politik greift regulierend ein. Für Millionen deutscher Konzertbesucher könnte das der erste Schritt zu bezahlbarer Live-Musik sein.
