Die Zahl, die das Bundesbauministerium heute veröffentlicht, lässt aufhorchen: Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland nur noch rund 95.000 Wohnungen fertiggestellt – hochgerechnet auf das Jahr wären das weniger als 200.000. Das wäre der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung und weit entfernt von den 400.000, die die Bundesregierung einmal als jährliches Ziel ausgegeben hatte.
Zum Vergleich: 2021 entstanden noch 293.000 neue Wohnungen, 2019 sogar 302.000. Der drastische Einbruch zeigt das Ausmaß der aktuellen Wohnungsbaukrise. Deutschland fehlen bereits heute mindestens 700.000 Wohnungen, Tendenz steigend. Die demografische Entwicklung verschärft das Problem zusätzlich: Bis 2030 werden etwa eine Million Menschen mehr in deutschen Ballungsräumen leben.
Warum nicht mehr gebaut wird
Die Gründe stapeln sich: gestiegene Bauzinsen, die Bauträgerprojekte unwirtschaftlich machen; hohe Baukosten, die Neubauten für Normalverdiener unerschwinglich machen; ein Engpass bei Handwerkern und Planern; strenge Energieeffizienzanforderungen, die die Kosten weiter treiben; und ein Genehmigungsverfahren, das im Durchschnitt 22 Monate dauert. Das Ergebnis: Projekte werden storniert oder auf Eis gelegt. Allein im ersten Halbjahr 2026 haben deutsche Bauträger rund 48.000 Wohneinheiten aus ihren Planungen gestrichen.
Besonders dramatisch wirken sich die Zinsentwicklungen aus. Lag der Bauzins 2021 noch bei etwa einem Prozent, müssen Bauherren heute mit vier bis fünf Prozent rechnen. Dies verteuert eine Immobilienfinanzierung über 300.000 Euro um etwa 1.000 Euro monatlich. Viele Projekte rechnen sich dadurch nicht mehr.
Gleichzeitig sind die Materialkosten seit 2020 um durchschnittlich 40 Prozent gestiegen. Ein Quadratmeter Neubau kostet mittlerweile zwischen 2.500 und 4.000 Euro – in München oder Hamburg sogar deutlich mehr. Hinzu kommt der Fachkräftemangel: Rund 430.000 offene Stellen gibt es im Bausektor, die Wartezeiten für Handwerker haben sich verdoppelt.
Die Folgen für Menschen
Weniger Neubau bedeutet weiter steigende Mieten. Auch wenn die Immobilienkaufpreise gefallen sind – für Mieterinnen und Mieter entspannt sich die Lage nicht. Im Gegenteil: Wer nicht kaufen kann, muss mieten. Und das Mietangebot ist knapper als je zuvor. In Städten wie Berlin, Hamburg und München sind Suchende mit teils hunderten Mitbewerbern pro Wohnungsinserat konfrontiert.
Die Mietpreise steigen bundesweit um durchschnittlich sechs Prozent jährlich. In Ballungsräumen zahlen Neumieter bereits 30 bis 40 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Besonders betroffen sind junge Familien und Berufseinsteiger, die oft mehr als die Hälfte ihres Nettoeinkommens für Wohnen ausgeben müssen.
Die Knappheit trifft alle Bevölkerungsschichten. Selbst gut verdienende Fachkräfte finden schwer bezahlbare Wohnungen. Unternehmen warnen bereits vor Standortnachteilen, weil sie keine Mitarbeiter mehr anziehen können. In der Gastronomie und im Einzelhandel verschärft sich der Personalmangel, da Beschäftigte sich das Leben in teuren Städten nicht mehr leisten können.
Was die Bundesregierung unternimmt
Bundesbauministerin Klara Geywitz hat heute ein Notprogramm angekündigt: Zinsverbilligte Darlehen für Bauherren, die bis Ende 2027 fertigstellen; eine Reform der Energieeffizienzanforderungen, die einfachere Standards für sozialen Wohnungsbau ermöglicht; und ein Bundesbauprogramm für die 100 größten Städte. Experten begrüßen die Richtung, zweifeln aber an der Dosierung: „Das reicht für 20.000 zusätzliche Wohnungen – wir brauchen 200.000 mehr“, sagt Verbandschef Andreas Mattner vom ZIA.
Das Hilfspaket umfasst insgesamt 2,5 Milliarden Euro über drei Jahre. Zusätzlich sollen Kommunen mehr Bauland ausweisen und Genehmigungsverfahren digitalisiert werden. Die Länder fordern jedoch deutlich mehr Unterstützung vom Bund. Nordrhein-Westfalen und Bayern haben bereits eigene Programme aufgelegt, die aber nur einen Bruchteil des Bedarfs decken können.
Ausblick und Herausforderungen
Experten erwarten frühestens 2028 eine Trendwende. Bis dahin dürfte sich die Wohnungsnot weiter verschärfen. Studien zeigen: Ohne massive Investitionen und Reformen wird Deutschland sein Wohnungsbauziel erst in den 2030er Jahren erreichen können. Die gesellschaftlichen Folgen – von sozialer Segregation bis hin zur Abwanderung aus Ballungsräumen – werden bereits heute sichtbar.
