Deutschland baut Windkraft in Rekordgeschwindigkeit aus – und trotzdem droht im Winter 2026/27 eine angespannte Versorgungslage. Wie passt das zusammen? Die Antwort liegt im Netz: Erzeugung und Transport laufen nicht im Gleichschritt.

Das Paradox der Energiewende

Im ersten Halbjahr 2026 deckten Wind- und Solarenergie erstmals mehr als 65 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. An windreichen Frühjahrstagen mussten Anlagen sogar abgeregelt werden, weil das Netz die Kapazitäten nicht aufnehmen konnte. Gleichzeitig warnt die Bundesnetzagentur für die Dunkelflaute im Winter: Wenn Wind und Sonne gleichzeitig ausbleiben, können Gaskraftwerke und Pumpspeicher die Lücke nur begrenzt schließen.

Dieses Phänomen zeigt die fundamentale Herausforderung der Energiewende: Der Ausbau erneuerbarer Energien erfolgt schneller als der notwendige Umbau der Netzinfrastruktur. Während die installierte Windkraftleistung in Deutschland mittlerweile bei über 70 Gigawatt liegt, hinkt das Stromnetz diesem rasanten Wachstum hinterher.

Netzbetreiber Amprion hat heute berechnet, dass Deutschland im Januar 2027 an bis zu zwölf Tagen auf Stromimporte aus Frankreich, Österreich und Norwegen angewiesen sein könnte. Das ist kein Blackout-Szenario – aber es zeigt, wie dünn die Marge ist.

Was fehlt: Speicher und Netz

Das eigentliche Problem ist die fehlende Speicherkapazität. Deutschland hat rund 40 Gigawattstunden Pumpspeicherkapazität – das reicht für etwa eine Stunde Vollversorgung. Batteriespeicher sind im Aufbau, aber noch weit von der benötigten Größenordnung entfernt. Und der Netzausbau, der Windstrom vom windreichen Norden in den verbrauchsintensiven Süden transportieren soll, hinkt dem Bedarf um Jahre hinterher.

Experten beziffern den Speicherbedarf für eine sichere Vollversorgung mit erneuerbaren Energien auf mindestens 200 Gigawattstunden. Aktuell befinden sich bundesweit etwa 15 Gigawattstunden an Batteriespeichern in der Planung – ein Bruchteil dessen, was benötigt wird. Der Aufbau von Speicherkapazitäten gilt als einer der kritischsten Engpässe der Energiewende.

Die Bundesnetzagentur hat heute ihren Lagebericht vorgelegt und kommt zu einem klaren Befund: Ohne drei neue Hochspannungsgleichstromtrassen (HGÜ), die bis 2030 fertig sein müssten, bleibt die Versorgungssicherheit ein strukturelles Risiko. Von diesen drei Trassen ist heute keine vollständig in Betrieb.

Kosten der Netzengpässe

Die mangelnde Netzkapazität verursacht bereits heute erhebliche Kosten. Allein 2025 zahlten Verbraucher über ihre Stromrechnung etwa 2,8 Milliarden Euro für sogenannte Redispatch-Maßnahmen – das Herunterfahren von Windanlagen im Norden und das Hochfahren konventioneller Kraftwerke im Süden. Diese Kosten steigen proportional zum Ausbau der erneuerbaren Energien.

Für Industrieunternehmen bedeuten die Netzengpässe zusätzliche Planungsunsicherheiten. Energieintensive Betriebe wie Aluminiumhütten oder Chemiewerke müssen ihre Produktion bereits heute an die schwankende Stromverfügbarkeit anpassen. Studien zeigen, dass diese Flexibilitätsanforderungen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie belasten.

Was die Politik plant

Bundeswirtschaftsminister Kellner hat heute ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren für Speicherprojekte angekündigt und neue Ausschreibungsrunden für Batteriegroßspeicher initiiert. Parallel werden die Kapazitätsreserven aus Gaskraftwerken bis 2028 verlängert – ein Kompromiss, der Klimaschützern missfällt, aber die Versorgungssicherheit sichert. „Wir bauen die Brücke, während wir drübergehen“, sagt Kellner.

Die Bundesregierung plant außerdem eine Reform des Netzentgelt-Systems. Künftig sollen regionale Unterschiede bei den Stromnetzkosten stärker berücksichtigt werden, um Anreize für den Bau von Speichern und verbrauchsnaher Erzeugung zu schaffen. Verbraucher in Norddeutschland könnten dadurch niedrigere Netzentgelte zahlen, während in Süddeutschland die Kosten steigen.

Internationale Zusammenarbeit als Lösung

Mittelfristig setzt Deutschland auf eine verstärkte europäische Kooperation beim Stromaustausch. Norwegen mit seinen riesigen Wasserspeichern, Frankreich mit seiner Grundlast aus Kernkraft und die Niederlande mit ihrer flexiblen Gasinfrastruktur können Schwankungen in der deutschen Stromerzeugung ausgleichen. Der Ausbau der grenzüberschreitenden Stromnetze hat daher strategische Priorität für die kommenden Jahre.