Europa hat sich aus der russischen Gasabhängigkeit befreit – oder zumindest so weit, wie es kurzfristig möglich war. Doch die Energiebeziehung zwischen der EU und Russland bleibt ein Konfliktfeld, das täglich neue Wendungen produziert. Heute eskaliert die Lage erneut: Russland hat angekündigt, den verbliebenen Gastransit durch die Ukraine – der noch immer einige osteuropäische Länder versorgt – Ende Mai zu stoppen.

Die aktuelle Drohung

Seit Beginn des Ukraine-Krieges hat die EU ihre Gasimporte aus Russland drastisch reduziert – von rund 40 Prozent des Gesamtbedarfs auf heute unter 8 Prozent. Ein verbliebener Rest-Transit versorgt noch immer Österreich, die Slowakei und Ungarn. Moskau droht nun, auch diesen letzten Kanal zu kappen, wenn die EU neue Sanktionen gegen den russischen Energiesektor beschließt.

Die Drohung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Der Transit durch die Ukraine-Pipeline beläuft sich noch auf etwa 15 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr – ein Bruchteil der ursprünglichen Mengen, aber dennoch bedeutsam für die betroffenen Länder. Österreich bezieht immer noch rund 80 Prozent seines Gases aus Russland, während die Slowakei zu etwa 60 Prozent abhängig ist.

Wichtige Fakten
  • EU-Gasimporte aus Russland: von 40 Prozent auf unter 8 Prozent gesunken
  • Noch betroffene Länder: Österreich, Slowakei, Ungarn
  • LNG-Importe aus den USA decken 22 Prozent des EU-Gasbedarfs
  • Deutschland: Gasspeicher zu 78 Prozent gefüllt – gut für die Jahreszeit

Historischer Kontext der Abhängigkeit

Die europäische Gasabhängigkeit von Russland entstand über Jahrzehnte. Bereits in den 1970er Jahren begann der Aufbau der Pipeline-Infrastruktur zwischen der Sowjetunion und Westeuropa. Deutschland entwickelte sich dabei zum zentralen Drehkreuz – mit verheerenden strategischen Folgen, wie sich 2022 zeigte. Die jahrzehntelange „Wandel durch Handel“-Politik erwies sich als Illusion.

Experten warnen seit Jahren vor den Risiken einseitiger Energieabhängigkeiten. Die aktuelle Krise bestätigt diese Einschätzungen und zwingt Europa zu einem fundamentalen Umdenken seiner Energiepolitik.

Deutschlands Position

Deutschland hat seine Abhängigkeit von russischem Gas nach 2022 am schnellsten und einschneidendsten reduziert. Drei neue LNG-Terminals – in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin – haben die Versorgungsbasis erheblich diversifiziert. Für die aktuelle Drohung Russlands gilt Deutschland daher als weitgehend gewappnet. Bundeswirtschaftsminister Habeck betonte heute: „Wir sind vorbereitet. Die Drohung trifft Deutschland nicht mehr so, wie es 2022 der Fall gewesen wäre.“

Die deutsche Energiewende beschleunigte sich dramatisch. Der Ausbau erneuerbarer Energien erreichte 2023 Rekordwerte: 132 Terawattstunden Strom aus Wind und Solar – ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dennoch bleiben die Energiekosten für deutsche Verbraucher und Unternehmen deutlich höher als vor der Krise.

Wirtschaftliche Folgen für Verbraucher

Die Energiekrise belastet deutsche Haushalte weiterhin stark. Gaspreise liegen trotz jüngster Entspannung noch 60 Prozent über dem Niveau von 2021. Eine durchschnittliche Familie zahlt rund 800 Euro mehr pro Jahr für Heizkosten. Energieintensive Unternehmen kämpfen mit Produktionskosten, die teilweise doppelt so hoch sind wie bei internationalen Konkurrenten.

Die Sanktionsdebatte

Innerhalb der EU ist umstritten, welche weiteren Sanktionen gegen Russlands Energiesektor verhängt werden sollen. Deutschland, Frankreich und die Niederlande drängen auf ein umfassendes Sanktionspaket. Ungarn und die Slowakei blockieren aus Eigeninteresse. Der Kompromiss, auf den sich die EU-Außenminister heute in Brüssel geeinigt haben, ist daher begrenzt – und dürfte Russland kaum beeindrucken.

Die Spaltung innerhalb der EU zeigt die unterschiedlichen nationalen Interessen auf. Während westeuropäische Länder bereits alternative Versorgungswege erschlossen haben, fürchten osteuropäische Staaten um ihre Energiesicherheit und wirtschaftliche Stabilität.

Europas Energiestrategie

Langfristig setzt Europa auf Erneuerbare, Energieeffizienz und Diversifizierung. Der von der EU-Kommission vorgestellte „REPowerEU“-Plan wird umgesetzt – aber langsamer als erhofft. Die Abkoppelung von russischer Energie ist strategisch richtig, kurzfristig aber teuer. „Energiesicherheit hat einen Preis – aber Abhängigkeit von Autokratien hat einen noch höheren“, sagt Ursula von der Leyen.

Ausblick und nächste Schritte

Europa steht vor der Herausforderung, seine Energieversorgung endgültig zu diversifizieren. Neue Partnerschaften mit Norwegen, Katar und den USA stehen im Fokus. Gleichzeitig muss der Ausbau erneuerbarer Energien forciert werden. Bis 2030 will die EU ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland vollständig beenden – ein ambitioniertes Ziel, das erhebliche Investitionen und politischen Willen erfordert.